Wissensbereich

Begriffsklärung

Was ist Erfahrungswissen?

Erfahrungswissen grenzt sich von wissenschaftlich begründetem und systematisch erlern- und darstellbarem Wissen durch seinen Bezug zum praktischen Handeln ab. Erfahrungswissen ist Handlungswissen, das sich jeweils auf konkrete Anwendungskontexte bezieht und nur in der Handlungspraxis erworben werden kann.

Im Projekt LerndA steht vor allem das implizite Erfahrungswissen im Mittelpunkt. Es handelt sich dabei um Wissen über Zusammenhänge und Wirkungsweisen, die nicht ohne weiteres expliziert und beschrieben werden können – beispielsweise das Wissen darüber, wie man systematisch-theoretisches Wissen (re-)kontextualisiert, also in konkreten Situationen nutzbar macht oder das Wissen darüber, wie man Unwägbarkeiten erfolgreich bewältigt, ohne dass hierfür Handlungsroutinen oder a priori festgelegte Vorgehensweisen vorliegen. Implizites Wissen kann nur erfahrungsgeleitet erworben werden. ( → erfahrungsgeleitetes Lernen )

Erfahrungswissen bezieht sich dabei nicht nur auf in der Vergangenheit angesammelte Erfahrungen im Sinne eines Erfahrungsschatzes, sondern auch auf das Erfahrung-Machen im und durch Handeln. Im Mittelpunkt steht dabei das erfahrungsgeleitet-subjektivierende Handeln.

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Durch ein exploratives und entdeckendes Vorgehen entsteht ein besonderes Erfahrungswissen über Handlungsmöglichkeiten und -bedingungen. Bei diesem Vorgehen beschränkt sich die sinnliche Wahrnehmung nicht auf verstandesmäßig exakte und eindeutig erfassbare Informationen, sondern richtet sich auch auf vielschichtige und diffuse Eigenschaften und Verhaltensweisen konkreter Gegebenheiten. Die Wahrnehmung ist dabei mit subjektivem Empfinden und Erleben verbunden. Exemplarisch hierfür ist ein Gespür für technische Abläufe. Eine solche spürende und empfindende Wahrnehmung beruht nicht – wie meist unterstellt – auf einem rein ‚inneren‘ Vorgang, sondern richtet sich auf das Erkennen äußerer Gegebenheiten. Mit der spürend-sinnlichen Wahrnehmung ist oft ein bildhaft-assoziatives Denken verbunden. Es ist im Unterschied zur Analyse und Reflexion unmittelbar ins praktische Handeln eingebunden ( → Literatur ). Die Bezeichnung erfahrungsgeleitet-subjektivierend bezieht sich auf die besondere Rolle subjektiver Faktoren wie Gefühle und Empfinden und die Beziehung zur Umwelt. Diese beruht nicht auf Distanz, sondern auf Nähe und Verbundenheit. Auch materielle Gegebenheiten werden wie Subjekte wahrgenommen, die ein ‚Eigenleben‘ haben und weder vollständig berechenbar noch einseitig manipulierbar sind.

Das Erfahrungswissen ist vor allem für die Bewältigung von Unwagbarkeiten in technischen und organisatorischen Prozessen notwendig. Ein planmäßig-rationales Handeln ist in Situationen, in denen Grenzen der Planbarkeit auftreten, kaum möglich, da Handlungsmöglichkeiten und -bedingungen instabil und nicht eindeutig erkennbar sind ( → Literatur ).

Was ist erfahrungsgeleitetes Lernen?

Im Projekt LerndA stehen nicht die berufliche Ausbildung und weiterführende formale Qualifizierungen im Mittelpunkt, sondern die Gestaltung von Weiterbildungs- und Lernprozessen in der beruflichen Praxis. Dabei liegt das Augenmerk auf der Weiterentwicklung von anwendungsbezogenen Kompetenzen und der Stärkung von Handlungsfähigkeit in technisch und organisatorisch unsicheren Situationen im Arbeitsprozess. Dementsprechend konzentrieren sich die Erhebungen und Gestaltungsmaßnahmen auf die Arbeitsprozesse selbst. Im Gegensatz zu lediglich arbeitsnahem Lernen (z.B. themenspezifische Workshops im Arbeitskontext) und personalpolitischen Gestaltungsmaßnahmen (z.B. job rotation) geht es im Projekt LerndA darum, die Arbeitsprozesse und -tätigkeiten selbst lernförderlich zu gestalten.

Das Lernen im Arbeitsprozess ist beispielsweise notwendig, um fachspezifisch strukturiertes Wissen durch ein auf konkrete Anwendungszusammenhänge bezogenes Erfahrungswissen zu ergänzen. So sind etwa bei der Lösung technischer Probleme nicht nur die Verbindung unterschiedlicher technischer Fachgebiete, sondern auch nicht-technische, materielle, ökonomische und soziale Gegebenheiten zu berücksichtigen. Je vielfältiger konkrete Arbeitsaufgaben sind und je rascher sie sich verändern, umso wichtiger wird das Erfahrungswissen über solche Kontexte und umso mehr wird ein hierauf bezogenes Lernen zu einer eigenständigen Anforderung.

Grundlage dieses besonderen Fokus auf Lernen ist die These, dass Erfahrungswissen in erster Linie in der Arbeitspraxis erworben werden muss. Hierbei ist es wichtig, neben den Lerninhalten (welches → Erfahrungswissen wird erworben?) auch die Lernmöglichkeiten in den Blick zu nehmen: Ist Arbeit so gestaltet, dass sie Chancen zum Erwerb von Erfahrungswissen bietet? Der Erwerb impliziten Erfahrungswissens bedarf eines Lernens durch praktisches Tun und ‚Erfahrung-machen‘ (→ Literatur ). Dabei spielen unmittelbar spürend-sinnliche Erfahrungen und hierauf bezogene Imagination und Reflexion eine zentrale Rolle. Neben fachlichen Kompetenzen befördert erfahrungsgeleitetes Lernen das erfahrungsgeleitet-subjektivierende Handeln und ermöglicht so den Erwerb von Erfahrungswissen.